„Schön, dass ihr Feinde euch lieben könnt! Aber das löst unseren Konflikt nicht!“
Die hundert Naturgesetzler stapften an Zinta und Tiars vorbei, ihrem Freund, der ihr Feind sein sollte. Viele strichen ihr dabei über die Arme – liebevoll. Auch Tiars. Sie meinten das „Schön, dass ihr lieben könnt.“ wirklich so.
Trotzdem hörte Zinta es überall rascheln. Naturgesetzler und Geistesgesetzler entrollten ihre Papierrollen, der Konzentrationskampf begann.
Zinta fühlte, wie hundert Fäden an ihren Augen zogen. Ihr Blick wollte weg von Tiars Wangen, er wollte das göttliche Weiß sehen, das aus den Papieren strahlte. Aber dann würde ihr Gehirn werden wie das Papier: Weiß und leer.
Und genau das wollten die Geistesgesetzler: Sie und alle Naturgesetzler vergessen lassen, wofür sie kämpften, damit sie ihre eigenen Ideen zu Naturgesetzen der Welt machen konnten.
„Gehen wir, ja?“, hauchte Zinta, worauf Tiars sie an den Schultern nach hinten drückte: seine Antwort.
Sie gingen zu einem der zweihundert Ausgänge der zweihunderteckigen Halle. Den Blick auf die buchstabenförmigen Fliesen gerichtet.
Zinta versuchte, die Augen ganz zu schließen oder einen Arm vor sie zu halten. Aber so viel Abwendung ließen die göttlichen Papiere nicht zu.
Niemand hielt sie auf. Die Gesetzler waren zu gebannt damit, die Gegner zu blenden, ohne selbst verstrahlt zu werden.
Das war der ganze Kampf. Zwei Reihen, die sich schweigend gegenüber standen.
„Ich hab’s dir doch gesagt, sie machen keinen Frieden, nur wegen uns“, sagte Zinta, als sie draußen an der warmen Luft waren. „Und Kompromisse gibt es für sie nicht. Die jetzige Welt ist ja der Kompromiss, den keiner will.“ Sie stieß einen langen Seufzer aus.
Da blühte ein Lichtfleck in der Luft auf, knäuelte sich wie ein Tuch und heraus fiel eine S-förmige Seufzer-Tute.
Zinta verkniff sich ein zweites Seufzen. Das war es ja, was sie und die Naturgesetzler ändern wollten: Diese sinnlose Magie sollte endlich verschwinden. Ständig tauchte sie auf, ohne sich erklären zu lassen. Die Welt sollte erklärbar sein und wenn sie es nicht war, mussten sie sie erklärbar machen.
„Wir können wohl nur zusehen, wie der Kampf sich entscheidet.“ Tiars hob die Tute auf, führte sie an die Lippen und streichelte sie, als wäre sie ein Teil von Zinta.
Aber das war sie nicht!, dachte Zinta wütend. Das war nur sinnloser Ramsch, der nichts mit ihr zu tun hatte! Es fiel ihr schwer damit zu leben, dass Tiars weiter dem Ideal der Geistesgesetzler folgte: „Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, jeder Gegenstand, jeder Erdkrümel und jedes Atom ist ein lebendiges, einzigartiges, achtungsvolles Subjekt.“
Eine geistesgesetzliche Utopie eben. Zinta wollte nicht wissen, wie viel Sinn zu Unsinn in den Naturbüchern mutierte, wenn Tiars Ideal wahr wurde. Die Magie machte ihr und den anderen Naturgesetzlern schon jetzt ständig Striche durch ihre logischen Erklärungen. Aber wenn jedes Atom auch noch seinen eigenen Kopf hatte – dann gab es überhaupt keine Gesetze mehr! Dann konnten sie überhaupt nichts mehr naturwissenschaftlich erklären!
„Ich werde versuchen, dich von deinem Wahnsinn abzubringen, Tiars!“
Tiars lächelte. „Schön, dass wir immer noch ein gemeinsames Ideal haben.“
Ja, ihr Ideal, dem anderen keine Absichten zu verschweigen, dachte Zinta.
„Aber pass auf, dass du am Ende nicht dein Ideal vergisst“, fügte Tiars hinzu.